Seit 1617 wird in Altenau gebraut

75 Jahre im Besitz der Familie Kolberg

Wer kennt es nicht, das süffige Bier aus der Altenauer Brauerei? Aus Flachen und Zapfhähnen sprudelt es goldgelb oder dunkel - je nach Marke - in die Gläser, um Genießer und echte Biertrinker zu verwöhnen.

Verantwortlich für den unverwechselbaren Geschmack und die gleichbleibende hohe Qualität der Altenauer Brauerei-Erzeugnisse ist der derzeitige Inhaber, Mälz- und Braumeister Hartmut Kolberg. Wer Altenauer Bier trinken will, muß auch den scharf kalkulierten Preis bezahlen. Es würde sonst die Existenz des Betriebes in Frage stellen. So beschreibt Hartmut Kolberg die Situation der Brauerei, die heute noch das einzige existierende Unternehmen dieser Branche im Oberharz ist. "Wir wollen die Tradition der Harzer Braukunst aufrechterhalten", wünscht sich der Braumeister. Qualität ist die Zauber- und Erhaltungsformel des Betriebes. Die wichtigsten Rohstoffe wie Malz und Hopfen kommen aus anerkannt besten Anbaugebieten Süddeutschlands. Zusammen mit dem weichen Wasser und dem Hefezusatz ergibt das ein würziges Altenauer Bier.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts erließen die Landesherren der einzelnen Harzgebiete sogenannte "Bergfreiheiten". Neben anderen Rechten bekam die Bevölkerung auch das Braurecht zugebilligt. Mit der Vergabe der Bergfreiheit im Jahr 1617 durch Herzog Christian von Celle-Lüneburg, der Altenau im gleichen Jahr das Stadtwappen verlieh, erhielten die ortsansässigen Berg- und Hüttenleute das Recht zu brauen. Bevor ein städtisches Brauhaus gebaut und das "Reihenbraurecht" eingeführt wurde, brauten die Altenauer ihr Bier selbständig im eigenen Haus. Im Jahr 1617 baute man ein Brauhaus, und die Herstellung des Bieres lag künftig in privater Hand. Wer der erste Besitzer dieses Brauhauses war, ist nicht mehr bekannt. Nach vorliegenden Unterlagen fühte bis 1854 Friedrich Hoffmeister die Brauerei. Die Nachkommen der ersten Bewohner, die das Recht hatten, Bier zu brauen, erhielten sogenannte "Brauzeiten".

Hermann Kolberg, diplomierter Mälz- und Brauingenieur, war bis 1919 für die Herstellung der Getränke verantwortlich. Am 11 Mai 1919 übernahm Hermann Kolberg diesen Betrieb in eigener Verantwortung. Heute führt der Enkel, Hartmut Kolberg, bereits in der Dritten Generation das inzwischen vergrößerte Unternehmen. Die einzige im Oberharz noch existierende Brauerei ist im Wandel durch die Höhen und Tiefen der vorangeganenen Jahrzehnte ein beredtes Zeugnis handwerklicher Geschichte und Tradition in unserer Region geworden.

Doch zurück zu der Entwicklung der Brauerei, seit sie in Privatbesitz überging. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und besonders die Inflationsjahre waren auch für dieses Unternehmen - gelinde beurteilt - kritisch. Gebraut wurde - und das war der "Renner" jener Zeit - ein Süßbier. Dieses Heimbier "JUBI" wurde vom Faß abgefüllt, in den Orten von Haus zu Haus angeboten und von den Hausfrauen gerne gekauft.

Nach dem Tod seines Vaters übernahm Paul Kolberg, heute 86jährig, der sein Brauhandwerk in Wernigerode erlernt hatte, den Betrieb. Gemeinsam mit seiner Frau Lisa und ein paar Mitarbeitern erweiterte er die Brauerei kontinuierlich. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges, Paul Kolberg war zur Wehrmacht einberufen, übernahm seine Ehefrau die Leitung des Betriebes. Ihrem Geschäftssinn und ihrer Umsicht war es zu verdanken, daß ihr Ehemann 1946 nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft seinen Betrieb in vollem Umfang weiterführen konnte.

Die dritte Generation wuchs heran, und Sohn Hartmut erlernte den Beruf des Vaters. Auch er wurde Bierbrauer. Nach seiner Schulentlassung ging er nach Lübeck, um in einer dortigen Brauerei sein Handwerk zu erlernen. Die Gesellenjahre führten ihn nach Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen. Nachdem er 1964 seinen Meister gemacht hatte, kam er nach Altenau zurück, um die gewonnenen Erkenntnisse und sein erworbenes Wissen in den elterlichen Betrieb einzubringen. Heute kann man in Altenau den Beruf des Mälzers und Brauers von der Pike auf erlernen. Gut ausgebildete Fachkräfte sind das "A" und "O" einer Brauerei. Hartmut Kolberg legt Wert darauf, daß die jungen Leute vor ihrer Ausbildung ein dreiwöchiges Praktikum absolvieren. Es ist nicht jedermann Sache, so der Braumeister, ständig in Wasser und Kälte, die nun einmal in einer Brauerei herrschen, Tag für Tag zu leben und zu wirken. Die jungen Leute müssen überzeugt sein, daß sie den Beruf auch wirklich erlernen wollen, dann haben sie auch Chancen, einen Ausbildungs- und Arbeitsplatzu bekommen. Der Vorteil der Lehre in einer kleinen Brauerei ist die breitgefächerte Ausbildung auf dem Gebiet der Malz- und Braukunst.

Altenauer Bier ist ein frisches Bier, das heißt, es wird nicht pasteurisiert, um es haltbar zu machen. "Unser Bier", so Hartmut Kolberg, "kann man etwa drei Monate bei acht bis zehn Grad lagern. Dann allerdings sollte es ausgetrunken sein." Angeboten werden das Harzer Export, das Edelpils, Harzer Urstoff, Maibock, Altenauer Doppelbock, das Malzbier Bio-Born und seit kurzem das "Altenauer Dunkel". Die Biere werden nach dem Deutschen Reinheitsgebot hergestellt, welches auf den Erlaß des Bayernherzogs Wilhelm IV. aus dem Jahr 1516 zurückgeht. Es ist das älteste Lebensmittelrecht der Welt. Um einen stabilen, das heißt einen läneren Zeitraum gleichbleibenden guten Geschmack des Bieres zu erreichen, muß der Braumeister alle Register seines Könnens ziehen. Geschmacksvariationen, deren Geheimnis jeder Braumeister tunlichst für sich behält, und das weiche Wasser sowie der jeweilige Ablauf des Brauvorganges steuern den Geschmack. Bis 1962 wurde in Altenau vorwiegend das im ganzen Harz bekannte "Jubi-Bier" gebraut. Erst 1967, nachdem neue und größere Gär- und Lagerkeller geschaffen waren, begann auch wieder die Herstellung von hellen Bieren. Bis 1975 hatte sich der Umsatz verfünffacht. Die Entscheidung, ein neues Sudhaus zu bauen, war damit unumgänglich. Seit 1976 steht dieses neue Haus, das seinerzeit mit enormen Investitionen gebaut wurde. Die Sicherheit der 17 Arbeitsplätze war durch diese Maßnahme garantiert. Ohne diese technischen Einrichtungen wäre ein im Oberharz produziertes Bier gar nicht mehr denkbar. Den vier Brauern stehen zur Zeit drei Sude mit einem Fassungsvermögen von je 10 000 Litern und andere moderne Einrichtungen zur Herstellung der Getränke zur Verfügung. Neben dem Bier werden alkoholfreie Getränke hergestellt. Aus dem in den 50er Jahren von 37 auf 107 Meter vertieften Brunnen sprudelt der "Oberharzer Brunnen", ein mineralarmes Quellwasser, das schmeckt und außerordentlich bekömmlich ist. Die "Perle von Altenau", eine Orangen- und Zitronenlimonade und die Oberharzer Cola sind weitere Produkte der Altenauer Brauerei. Gerade diese Limonaden waren es, die der Firma Kolberg in den 50er Jahren halfen, den Verlust der Kunden im damals absatzstarken Ostharz zu verkraften. Bis nach Helmstedt, Wolfsburg und Salzgitter war bis zur Wiedervereinigung das Auslieferungsgebiet.

Heute beliefert die Brauerei Kunden in den Landkreisen Goslar, Osterode, Salzgitter und Wernigerode. Das Unternehmen hat einen Jahresumsatz von 9000 Hektoliter Bier und 11000 Hektoliter alkoholfreie Getränke. Handwerkliches Können, Erfahrung, Disziplin und der feste Wille, eine alte Tradition am Leben zu erhalten, sind Eckpfeiler des betrielichen Erfolges. Mit dieser Einstellung hoffen das Unternehmen und seine Mitarbeiter, trotz der Konkurrenz im Zeitalter der Fabrikkonzentration und Konzerndominanz, durch gleichbleibende Qualität, gemäß dem Deutschen Reinheitsgebot, die nächsten Jahrzehnte zu bestehen.


® Heinz Prill
1995