Gedanken und Erinnerungen zum Heimatfest 1980
in der Bergstadt Altenau

Seit dem ersten Heimatfest 1926 in Altenau hat sich vieles geändert. Es grünen zwar noch die Fichten, doch das Erz wächst schon lange nicht mehr. Die alten Straßen haben zwar noch ihre Namen, doch auch die alten Freunde sind nicht mehr. Der Oberharz als natürliche Erholungslandschaft, wie sie etwa einer ihrer treusten und markantesten Persönlichkeiten, Karl Reinecke, besungen und in Bildernfestgehalten hat, ist von der Gefahr der Selbstzerstörung nict verschont geblieben. Aus dem einstigen "Bergnest" Altenau ist ein heilklimatischer Kurort geworden mit Ferienpark, Zweitwohnungen und Bettenburgen aus Beton. Bürgermeister August Breyel, der dieses Heimatfest 1926 das erste Mal organisierte, Karl Reinecke, der dazu die noch heute gültigen Grundsätze für den Heimatabend und später für eine Rundfunksendung aufstellte, Hermann Böhm, der als Ewerbarkschreiber des Heimatbundes in die Geschichte eingegangen ist, haben diese Entwicklung nicht gewollt. Sie hätten sie vermutlich aber auch kaum verhindern können.

Es wäre sinnlos, an die Vergangenheit und an die Männer, die sie gestalteten, auch nur einen Gedanken zu verschwenden, wenn ich nicht wüßte, daß wir auch heute noch aus der damaligen Zeit kraftspendende Erinnerungen, ein fröhliches Herz und Mut für die Zukunft schöpfen können. Darin spiegelt sich unsere Dankbarkeit gegenüber der Heimat Altenau wider. Heimatgeschichte ist kein starres Gebilde. Heimatgeschichte gründet sich jeweils in ihrer Zeit und muß dementsprechend verstanden werden. Die Heimat Altenau war reich an Männern, die ihre Heimatgeschichte maßgeblich beeinflußten. Dazu gehören auch jene, die in den Altenauer Vereinen, Verbänden und Organisationen usw. mitarbeiteten. Nicht anders ist das auch für unsere Zeit zu sehen. Entscheidend war und ist auch heute noch, ob der gute Wille vorhanden ist, aus dem Fleckchen Erde, das die Heimat Altenau umschließt, das beste zu machen. Es ist für alle ein Gewinn, daß uns die jüngste Vergangenheit dafür die Augen geöffnet hat, daß unsere sogenannte "Freizeitgesellschaft" zwar ganz neue Freizeit- und Urlaubsbedürfnisse erwartet, doch die Belastung einer Erholungslandschaft muß dort ihre Grenzen haben, wo ihre Zerstörung beginnt und damit die Nutzung für die Allgemeinheit ausgeschlossen wird. Wenn ich die Vergangenheit, in der diese Heimattage zum ersten oder zweiten Mal stattfanden, richtig deute, dann lebt diese Zeit auch heute noch in den Herzen und der Erinnerung weiter. Es ist beglückend, festzustelölen, daß das nicht nur für die "echten" Altenauer gilt, sondern auch für jene, denen der Krieg die Heimat nahm, erfreulicherweise aber auch für gro?e Teile der Jugend. Der Beweis: Aus den Jahren der ersten Heimattage werden Bilder, Graphiken, Literatur und Gegenstände aus dem Berufsleben und Brauchtum gesucht, gesammelt und wie kleine Schätze verwahrt. Nach dem Erfolg des ersten Heimattages fand der zweite 1930 statt, dann beschloß man, die Altenauer Heimattage alle fünf Jahre zu wiederholen. Das ging nur bis 1935 gut, dann verlangte der Krieg mit allen seinen Folgen eine Pause von 15 Jahren. Aber diese Kriegsfolgen waren keineswegs überwunden, als die Altenauer Heimatfreunde bereits 1950 zum nächsten Treffen aufriefen. Damals klafften große Lücken in der Altenauer Familie. So markante Persönlichkeiten wie der Harz-Pastor Georg Schreiber, Karl Reinecke und Karl Fieke hatte der Tod zur ewigen Ruhe hinauf zum Friedhof "an der Rose" gerufen. Heimgegangen waren aber auch so viele junge Menschen, die der Krieg in allen Teilen der Welt, fern von ihrer lieben Heimat und ihren Angehörigen, dahinraffte. Am 12. Mai 1952 starb im Alter von 66 Jahren Altenaus Ehrenbürger, Stadtdirektor i. R. August Breyel. "Vater August Breyel", wie man ihn liebevoll nannte, hatte 31 Jahre lang die Zukunft der Bergstadt verantwortlich mitgeprägt. Die Heimattage ab 1955 sind vielen noch in guter Erinnerung. Von damals bis heute vollzog sich dann auch der große Umbruch nicht nur in der Ortsgestaltung, sondern auch im Leben der Menschen. Das "Wirtschaftswunder" zerstörte fast alles, was diesem Bergnest heilig war und ihm seine besondere Note gegeben hatte: Die schönen, alten gußeisernen Öfen mußten Ölöfen und Zentralheizungen weichen. Ein Stück Familienromantik ging damit verloren. Die Folge: vor und hinter den Häusern brauchten keine Holzstöße mehr aufgeschichtet zu werden. An den Häusern und in den Stuben wurden auch die Vogelkäfige immer weniger. Man hatte keine Zeit mehr für die kleinenSänger. Ihr Gesang wurde von Rundfunk und Fernsehen übertont. Und aus Gram darüber, daß auch die Frauen nicht mehr mit ihrer Vogelkiepe ins Land zogen, meldete sich bald die letzte "Leimhus" ab und klopfte bei Petrus an die Himmelstür. Dann kam auch die Zeit in den 60er Jahren, daß sich am frühen Morgen keine Toreinfahrten oder Haustüren mehr öffneten, um die rotbraunen Damen mit den schönen Namen "Herschel", "Liesel", "Orschel" und "Resel" dem Kuhhirten anvertrauen. Obwohl bald jedes Haus eine Wasserleitung hatte, ließen heimatbewußte Bürger einige der eisernen Wasserbottiche in den Straßen stehen. Welch ein Glück! Erinnern sie doch zugleich auch an die 1911 eingestellte Altenauer Silberhütte, wo sie als Entsilberungskessel verwendet wurden. Aber dahin ist die Zeit, da sich an diesen Bottichen die Hausfrauen zu einem kleinen Schwätzchen trafen und die Kühe das frische Bergquellwasser tranken. Dahin auch das Fest zwischen Ostern und Pfingsten, nämlich der erste Weideaustrieb, auch "Kuhball" genannt. Von den schönen, blühenden Wiesen im Frühsommer mit Glockenblumen, Margeriten, Arnika, Ehrenpreis und Feuernelke können wir nur noch träumen. Dafür sind neue Häuser die Hänge hinauf geklettert. Altenau mußte ja schritthalten mit der Entwicklung, wurde kanalisiert und asphaltiert. In der Gunst um den Gast versuchte ein Ort den anderen zu übertreffen. Der Dreiklang Häuser - Wiesen - Wald geriet dabei aus dem biologischen Gleichgewicht. Also eine düstere Prognose an den Altenauer Heimattagen 1980? Wurde nicht auch noch am 29. Mai 1976 die Bundesbahnstrecke Langelsheim - Clausthal-Zellerfeld - Altenau eingestellt?

Nein, es besteht kein Anlaß, düstere Prognosen zu stellen. Vieles ist auch besser geworden. Die sogenannte "gute alte Zeit" verlief vielleicht ein wenig beschaulicher, geordneter, sie verlangte andererseits aber den Menschen alles ab. Fragt sie nur, "die Alten", wie sie sich abrackern mußten, um die Familie zu ernähren. Laßt euch erzählen von den alten Berg- und Hüttenleuten, die zu Fuß zur Arbeit nach Clausthal gingen, und abends nach Hause gekommen, noch die Wiesen bearbeiten oder einer anderen zusätzlichen Tätigkeit nachgingen, weil der karge Lohn einfach nicht ausreichte, die hungrigen Mäuler am Tisch sattzukriegen. "Uns geht es heute allen besser!", sagt es nur recht laut in diesen Tagen, liebe Altenauer, und freut euch darüber. Dann wird auch die Stunde kommen, wo euch der Herrgott ein fröhliches Herz schenk. Denn: Sonne, Wind und Wolken grüßen noch wie ehedem diese Bergwelt. Die Bergbäche singen auch in unserer Zeit das uralte Lied von der Erneuerung allen Lebens durch gutes Wasser. Die Fichten im nahen Bruchbergwald stimmen darin ein, und die Erinnerung trägt die Sehnsucht nach der Heimat allen zu, die hier in Altenau nicht mehr ihren Wohnsitz haben können. Und wer noch Zweifel hat, wie schön der Oberharz ist, der wandere in diesen Tagen hinaus in die Wälder. Dort singen die Vögel noch wie einst, gibt es noch so manches "Herrgottplätzel", und im Moor wachsen und fallen noch die Bäume nach uralten Naturgesetzen. Und wenn Sie, liebe Heimatfreunde, ganz tief hineinlauschen wollen, was den Begriff "Heimat Altenau" ausmacht, dann greifen Sie in einer stillen Stunde zu Karl Reineckes Buch "Harzheimat". Dann werden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden, dann wird das Herz jubeln: "Heimat, nun hältst du wieder mich umfangen . . ."


® A. Humm
09-1980