Karl Reinecke

Oberharzer, Maler, Schriftsteller und Lehrer

Vor 100 Jahren, am 6. Dezember 1885, wurde Karl Reinecke in Altenau geboren. Hier besuchte er zunächst die Volksschule. Später ging er an das Lehrerseminar in Alfeld, und schließlich studierte er in München, Dresden und Berlin. Sein beruflicher Werbegang fing mit einer Anstellung als ehrer an der Bürgermädchenschule in Clausthal an und setzte sich fort in der Tätigkeit im höheren Schuldienst bis 1918 in Hannover.

So kurz und so nüchtern stellt sich sein Wirken bis zu seinem 33.Lebensjahr chronologisch dar. Was er jedoch bis zu diesem Zeitpunkt im weiteren Bereich gefühlt, gedacht und geplant hatte, kam jetzt zum Durchbruch.

Er gab den gesicherten Lebensweg als Lehrer auf und wurde das, was man bis heute an ihm bewundert: ein freischaffender Künstler, dessen Herz und Hand immer seiner Oberharzer Heimat gehörte. Karl Reinecke war sozusagen der erste Aussteiger des Oberharzes, naturverbunden, verwurzelt in den oberharzerischen Sitten und Gebräuchen. Er liebte die heimatliche Mundart und den Lebensstil der Menschen seiner Vaterstadt. All das beschrieb er, all das zeichnete und malte er in seiner unnachahmlichen Art. Treffender wie hier wurden noch nie vorher und kaum später die Schicksale und Lebensweisen der >>kleinen Leute<< mit Worten und in Bildern beschrieben.

Aber sein Wirken erschöpfte sich nicht in der reinen künstlerischen Betätigung. Sein Bestreben um die Erhaltung Harzer Sitten und Gebräuche, Trachten und Mundarten, Pflege und Hege der Natur und Kultur, ging weit darüber hinaus. Er lud die Bruchbergsänger, eine Sing- und Spielschar aus Altenau, zu einer Zusammenkunft ins Lesezimmer des Altenauer Hofes ein, um mit ihnen den Grundstock für den Heimatbund Oberharz zu legen. Auch das gelang. Am Montag, dem 23. Mai 1933 um 20:30 Uhr, traf man sich im Altenauer Hof und unterzeichnete die von Karl Reinecke verfaßte >>Barkordnung<<. Die Unterschriften von 18 Altenauer Bürgern waren der erste Schritt für Karl Reinecke von der Idee zur Tat. Doch er wollte mehr! Wie schon der Name des Bundes ausdrückte, ging es ihm um das Heimatbewußtsein des ganzen Oberharzes. Am 31. Mai 1933 schrieb er einen Aufruf in den >>Öffentlichen Anzeigen für den Harz<<:

HEIMATTREUE UND HEIMATBEWUSSTE OBERHARZER !
Unser Oberharzer Volkstum, das sich in der Besonderheit seiner Sprache und seiner Bräuche seit vier Jahrhunderten scharf heraushebt aus der niedersächsischen Umwelt unserer Berge, droht mehr und mehr zu verwässern und zu verflachen. Letzte Folge aller Verflachung aber ist der Untergang. Über die Ursachen dieses Zerfalls wäre mancherlei zu sagen. Wir wollen nicht näher darauf eingehen. Nur die unzweifelelhafte Tatsache muß festgestellt werden, und ich weiß, daß die Mehrzaqhl von Euch gleich mir den drohenden Verfall bitter bedauert und sich Gedanken darüber macht wie über etwas, dem man nachtrauert. Aber damit ist nichts getan ! Wenn wir uns nicht endlich zu uns selber zurückfinden, uns aufraffen und etwas für unser bedrohtes Volkstum unternehmen, so machen wir uns durch unsere Lauheit selber mitschuldig an dem Verfall. Es ist die höchste Zeit, einen Wall aufzuwerfen und auf dieser Schanze alle diejenigen zusammenzutrommeln, die tapferen Willens sind, für die Heimat, für ihre Sprache, für ihr Brauchtum, für die Reinhaltung des heimatlichen Landschaftsbildes einzutreten, altes, wertvolles Kulturgut zu schützen und für seinen Fortbestand in der Zukunft zu sorgen.
Einer allein auf dieser Schanze ist machtlos. Wenn aber Mann neben Mann darauf stehen, sich eine Kette bildet von Händen und Köpfen und Herzen, zusammengehalten von dem Bewußtsein des heimatlichen Verbundenseins und von dem begeisterten Vorsatz besslt, wertvolle Erbgüter der Väter zu verteidigen, dann schaffen wir einen uneinrennbaren Wall, hinter dem unser bedrohtes Volkstum Schutz und Rettung findet.
Wenn ich es unternehme, zu dieser Sammlung zu rufen und die Sturmtrommel zu rühren, so geschieht das aus dem zwingenden Bedürfnis, etwas für die Rettung oberharzischer Eigenart zu tun, und aus dem Bewußtsein heraus, das Vertrauen meiner Landsleute zu besitzen. Und so rufe ich denn heute in alle sieben Bergstädte und Ortschaften des Oberharzes hinein, ich rufe es allen in der Fremde verstreuten oberharzischen Brüdern zu: Landsleute, schließt Euch zusammen zu einem großen Heimatbund Oberharz!

Am Schluß seines Aufrufs lud er alle Interessierten zum Pfingstmontag nach dem Polsterberg ein: >>Bringt Gitarren und Zupfgeigen mit, damit wir auch Musik um uns haben und singen können<<. Das erste Polsterbergtreffen fand statt, und alle, die aus den sieben Bergstädten dabei waren, gelobten die Treue zur Heimat Oberharz.

Der Heimatbund hatte nun ein Fundament, auf dem aufgebaut werden konnte. Die Barkordnung wurde von allen anerkannt und im Oberharz schnell verbreitet. Die wichtigsten Richtlinien sollen hier noch einmal in Erinnerung gerufen werden. Sie lauteten u.a.:

  1. Harzer Sitten und Gebräuche weithin zu pflegen.
  2. Erhaltung und Pflege der Oberharzer Mundart, die einst die hier eingewanderten Bergleute aus ihrer Heimat mitbrachten.
  3. Behütung des Oberharzer Orts- und Landschaftsbildes vor Verschandelung. Insbesondere durch unschöne und aufdringliche Reklameschilder.
  4. Wiedereinführung der alten Oberharzer Trachten.
  5. Erhaltung des Oberharzer Kulturgutes

Von jenem denkwürdigen Polsterbergtreffen berichtet in Mundart ein Gedicht eines der Altenauer Gründungsmitglieder.

Meche wissen, wosser wieder in sän listern Dessel hot.
Disser Heimatmoler-Dichter is ah wie dr Liewe Gott.
Kannmersch denken; denn wie neilich saht ä Kamerod zu mir:
>>Junge, wäßte denn es Neiste? Balle trahn Harzer Trachten wir<<.
Harzer isser un har Bleibts ah, krehger flucks dn Nowelpreis,
Drin im Hartzen beine schummerte: Heimot Alternah grin-weiß.
Alsu lud har seine Treien nohch dn Polsterbarrig do nauf,
Häßtse alle fruh willkumme un begrießtse mit >>Glick-auf<<.
>>Landsleit, härt mol orndlich zu<< schprohcher zu dan tehngten Heifel,
>>Dos kann su net wätter giehn, Schprohch in Sitten giehn zum Teifel.
Harzer Sitten und Gebreich, Harzer Tracht un Harzer Sang
Meßmer uns hie uhm erhalten viele Generazione lank<<.
Ahnklang fanden seine Worte, die har schprohch in Zuppelskamsul,
Loß de Leit mant sinst wos knatschen, hie giehts im dn Harz sei Wuhl.
Wie nu seine Red verklunge un de Brawos warn ze End,
Fruhger: >>War macht mit von eich?<<
Flucks huhm huhch sich hunnert Händ.
>>Harzer sein und Harzer bleim!<< su schallts frehlich in dr Rund:
Un aus dissen ehrling Hartzen grindt har dn >>Ewerharzer Heimotbunde<<.

Im Heimatbund vereinigten sich damals alle Gruppen; auch die Trachten gehen im wesentlichen auf den Einfluß und die Anregungen Karl Reineckes zurück.

In all den weiteren Jahren seines Lebens hat er in vielen Menschen durch sein Vorbild und seine Arbeiten die Liebe zur Heimat und auch zur Heimatpflege geweckt. Nicht zu vergessen ist auch sein Aufruf zum Oberharzer Jodelwettstreit Anfang Oktober 1934 auf dem Polsterberg. Leider mußte diese erste Veranstaltung abgesagt werden; es regnete Bindfäden. Um den Wettstreit dann dennoch durchzuführen, wurde ein neuer Termin genannt, der 21. Oktober 1934 im Kurhaus Voigtslust. Karl Reinecke Hatte dafür den Text des Pflichtjodlerrs geschrieben, zu dem jeder Jodler selbst eine Melodie bringen mußte:

Hinner Zallerfall
Of dr Ringerhall
Schtieht ne griene Bank,
Schien de Sunn su blank.

Of dr Ringerhall
Hinner Zallerfall
Hot än Zessighahn
Uns was zugesahn.

Doch dr Zessighahn
Schpricht: Wos giehts mich ahn
Was de bäden tuhn,
Bin kän Schnatterhuhn.

Immer gäng es ju
Alle Jarsch su zu
Of dr Ringerhall
Hinner Zallerfall

Auch sein schriftstellerisches Talent schlief nicht. Sein wohl in dieser Richtung bedeutsames Werk >>Die reiche Barbara<< erschien im Dezember 1937.

Im Alter von 53 Jahren mußte Karl Reinecke seine Freunde für immer verlassen. Er starb an einem Nierenversagen am 30. März 1943 in Bad Nauheim. Begraben ist er in heimatlicher Erde, auf dem Friedhof an der Rose.

So wirkte er und wirkt auch noch heute in all denen, die sich ein weites Herz für ihre Oberharzer Heimat, deren Mundart, Sitten und Gebräuche und die Erhaltung ihrer wunderschönen Natur bewahrt haben. KarlReinecke ist nicht vergessen, sein Gedankengut wird von vielen weitergetragen und täglich gelebt.

Einen Dank an den großen Sohn Altenaus und dessen Erben, den Heimatbund Oberharz, der wie eh und je sich bemüht, das Vermächnis Reieckes zu erhalten. Das bezeugen auch die Veranstaltungen und die Heimatfeste.

>>Glück Auf<<


® B. Fessler
09-1985